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Selbsthilfe zu wenig beachtet

Das Jahr 2001 ist das internationale Jahr der Freiwilligen. Freiwilligenarbeit wird offiziell gefördert und in der Öffentlichkeit aufgewertet. Das freiwillige Engagement wird durch professionelle Vermittlungsstellen gefördert und ist im Wachstum begriffen.

images-17Dies ist erfreulich, denn das Sozial- und Erziehungswesen, Politik, Kultur, Kirche und Sport sind auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. In diesem Zusammenhang ist es wesentlich, die Aufmerksamkeit auf die Selbsthilfebewegung zu richten, denn auch in ihr wird kostenlose Arbeit geleistet, die dem Gemeinwesen zugute kommt.Im Kanton Thurgau existieren rund 85 Selbsthilfegruppen zu 60 verschiedenen Themen. In diesen Gruppen können Menschen, die durch eine schwere Krankheit oder einen Schicksalsschlag in eine Krise geraten, diese Ereignisse emotional verarbeiten – ein wichtiger Teil der Heilung und Bewältigung.

Die Selbsthilfegruppe bietet den Betroffenen Information und neue Sichtweisen aus den Lebens- und Leidenserfahrungen der anderen Mitglieder. So kann der Umgang mit dem zentralen Lebensproblem verbessert werden, Schritt für Schritt begleitet durch die Leidensgenossen in der Gruppe. Häufig ist die Selbsthilfegruppe für chronisch kranke, behinderte und diskriminierte Menschen der einzige Ort, an dem sie sich ohne Scham und Verunsicherung zeigen können.
download-8Die Wirkung von Selbsthilfegruppen lässt sich an Hand der Wirkprinzipien der Psychologie und Psychotherapie und neuerer Studien über die Gesundheitsförderung aufzeigen: Die gemeinsame Betroffenheit bewirkt tiefe menschliche Beziehungen. «Lernen am Modell» ist für die Anpassung menschlichen Verhaltens besonders wichtig und gelingt am besten bei nahe stehenden Bezugspersonen. Soziale Unterstützung durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe wirkt präventiv. Eine Tatsache, die durch verschiedene wissenschaftliche Studien bestätigt ist. «Helfen hilft» ist für viele kranke und sozial benachteiligte Menschen eine wichtige Erfahrung. Fühlt man sich schwach und ohnmächtig, erfährt man in der Selbsthilfegruppe wieder seine Stärke, man wird gebraucht und ist gefragt.

Neue Studien haben ergeben, dass Menschen, welche die krisenhaften Ereignisse ihres Lebens verstehen, einordnen und handhaben können, durchwegs gesünder bleiben als andere Betroffene.

Kontaktstellen helfen Rat Suchenden «ihre Gruppe» zu finden und unterstützen die Neugründung von Gruppen. Sie übernehmen koordinierende und unterstützende Aufgaben für die Selbsthilfegruppen im Kanton. Im Jahr 1997 hat sich das Team Selbsthilfe, Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen im Thurgau, mit einem Pensum von 60 Prozent in Weinfelden etabliert. Seither hat sich die Anzahl der Anfragen und Gruppengründungen nahezu verdoppelt.
Selbsthilfegruppen haben sich als fester Bestandteil in der Gesellschaft verankert und etabliert. Von Selbsthilfegruppen profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren direktes Umfeld sowie das gesamte Gesundheits- und Sozialwesen. Angesichts der Kostenexplosion im Gesundheitswesen benötigt unsere Gesellschaft innovative Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung. Selbsthilfegruppen vermitteln Gesundheit bei minimalstem finanziellen Aufwand.
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Immer mehr Kantone der deutschen Schweiz haben die Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht und investieren in ihre Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen – eine Entwicklung, mit welcher der Kanton Thurgau bis jetzt noch nicht Schritt gehalten hat.